Phänomenologische Vignettenforschung
Kurzbeschreibung
Die phänomenologische Vignettenforschung (u. a. im Anschluss an phänomenologische Traditionen) zielt darauf ab, verdichtete Momente gelebter Erfahrung sprachlich zu erfassen. Beobachtete oder erinnerte Situationen werden in präziser, verdichteter Form als „Vignetten“ formuliert und anschließend gemeinsam interpretiert. In Citizen-Science-Projekten können Beteiligte selbst Vignetten verfassen und im Dialog deuten.
Zentrale Elemente
- Aufmerksame Wahrnehmung konkreter Situationen
- Sprachliche Verdichtung ohne vorschnelle Interpretation
- Gemeinsame Auslegung als dialogischer Prozess
- Fokus auf Erfahrung, Atmosphäre und leibliche Resonanz
Auf diesem Bild sieht man ein Beispiel für dieses Thema …

Bildungstheoretische Verortung
Die Vignettenforschung knüpft an phänomenologische Traditionen (Husserl, Merleau-Ponty, Waldenfels, Meyer-Drawe) an und wurde bildungswissenschaftlich u. a. von Schratz, Schwarz, Agostini, Peterlini weiterentwickelt. Bildung wird hier als Resonanzgeschehen und als leiblich-situierte Erfahrung verstanden.
Durch die sprachliche Verdichtung von Erfahrung entsteht ein „Denkraum“, in dem pädagogische Situationen nicht funktional erklärt, sondern in ihrer Erfahrungsqualität erschlossen werden. Die Vignetten versuchen, Situationen in ihrem leiblichen (Gestik, Mimik, Tempo, Stimme, Tonlage) und interaktiven Vollzug möglichst ohne Interpretationen zu beschreiben und erst in einem zweiten Schritt für pluriperspektivische Deutungen zu öffnen.
Bildungspotenzial
- Sensibilisierung für Atmosphären und leibliche Dimensionen
- Entschleunigung und vertiefte Wahrnehmung
- Gemeinsame Auslegung als dialogischer Bildungsprozess
- Anerkennung subjektiver Erfahrung als Erkenntnisquelle
- Weblinks
- Netzwerk Vignetten- und Anekdotenforschung: https://vigna.univie.ac.at/
- Einführung Vignettenforschung (Universität Innsbruck):
https://www.uibk.ac.at/de/ils/forschung/projekte/innsbrucker-vignettenforschung/ - Phenomenology Online: http://phenomenologyonline.com
Theoretische Bezugspunkte und Schlüsselliteratur
- Günther Buck (2019): Lernen und Erfahrung. Epagogik. Herausgegeben von Malte Brinkmann. Wiesbaden: Springer.
https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-17098-1
- Meyer-Drawe (2003): Lernen als Erfahrung. In Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 6, S. 505-514 https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s11618-003-0054-x.pdf
- Schratz, M., Schwarz, J. F., & Westfall-Greiter, T. (2012). Lernen als bildende Erfahrung. Vignetten in der Praxisforschung. Mit einem Vorwort von Käte Meyer-Drawe und Beiträgen von Horst Rumpf, Carol Ann Tomlinson, Mike Rose u.a. Innsbruck: StudienverlagAgostini, E., Peterlini, H.K. et al. (2023): Die Vignette als Übung der Wahrnehmung. Zur Professionalisierung pädagogischen Handelns. Opladen, Berlin, Toronto: Barbara Budrich 2023. Open Access: https://doi.org/10.3224/84742662
- Agostini, E., Peterlini, H.K. (2022): Vignette Research. An Austrian phenomenological approach to empirical research. In: Tom Fedges, Education in Europe. Contemporary Approaches across the Continent. London: Routledge https://www.taylorfrancis.com/reader/download/8e68119b-2fb0-4888-9b07-d271a219881c/chapter/pdf?context=ubx
